Dr. Molrok und der Paradiesbaum

372

Praxis Dr. Molrok, Fachanstalt für professionellen Geisteswahn …  kennt man? Ja, kennt man. Zwar weniger mit diesem Nachsatz, aber vorrangig als Michael Ritzmann und als Streetart-Künstler. Sein jüngstes Werk, welches große Aufmerksamkeit erzeugte, war ein Großgemälde auf dem Erfurter-Domplatz-Pflaster, womit er ins Guinness-Buch der Rekorde strebte …

Dr. Molrok am Paradiesbaum — gemeinsam mit Nihat Dabeet aus Israel
(Foto: M. Kranz)

Er selbst sagt dazu: »Was wrong, it is only eight seconds«. Er lehnt sich damit an die Aussage der Pop-Art-Ikone Andy Warhol an, der einst meinte, in der Zukunft werde jeder 15 Minuten Ruhm haben. »Wir leben in einer so schnelllebigen Zeit, werden dauerbeschallt mit Infos, scrollen rauf, runter. Unsere Aufmerksamkeitsspanne, das ergaben Studien der Marketingforschung, liegt bei acht Sekunden«, erklärt Michael Ritzmann. Alles zu Recht so formuliert, denn am nächsten Tag war das Kunstwerk wieder verschwunden. Der Aufbau für die Domstufen-Festspiele erforderte den Zugang zum Domplatz mit allem erforderlichen technischen Gerät — wohlbemerkt: im Juli 2019!

Jetzt, im Jahr 2020, im sog. Corona-Jahr, wird es etwas Bleibendes sein, woran er arbeitet. Dr. Molrok — alias Michael Ritzmann — ist gebürtiger Erfurter und kreativer Autodidakt. Seine künstlerischen Arbeiten gewannen bereits diverse Preise, wurden in Deutschland, Holland und Japan gezeigt und sind in ständigen Sammlungen präsent. Das Multitalent brach sein Studium der Philosophie, Pädagogik und Psychologie ab und widmet sich seit 2006 ausschließlich der Kunst. Kein Material ist ihm fremd, von Graffiti bis zu Emaille-Werken, Bildhauerei, Malerei, Stahl-Skulpturen oder auch Großfassadengestaltung kann und macht er alles. Sogar ein Kinderbuch über die Geschichte Erfurts hat er mit illustriert.

Zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen zeugen von seiner Produktivität, darunter 2019 »Steel Magnolia«, Hammerschmidt + Gladigau, Erfurt / 2014 »Swing Hail«, Galerie Waidspeicher, Erfurt / 2012 Kunsthalle, Weimar / 2011 Galerie Neosyne. Trier / 2004 »cons — 3.14159265 -ra-tief,« Collegium maius, Erfurt / 2006 »Etage 2« Rathaus, Erfurt.

Nun entsteht mit ihm für Erfurt — und natürlich auch für Thüringen! — ein neues Projekt. Der Paradiesbaum. Das ist nun auch für Dr. Molrok Neuland, passt aber in seine offene und experimentelle Art zu arbeiten. »Als die Organisatoren mit der Anfrage zum Aufbau des Baumes, dieses Paradiesbaumes, an mich herantraten, musste ich nicht lange überlegen — nur erstmal den Terminkalender checken. Wenn man das ganze Jahr kreative Ideen aus dem Hut zaubert, ist es auch einmal erfrischend ›nur‹ auszuführen und trotzdem das eigene Knowhow und seine Expertise mit einfließen zu lassen, auch wenn der Entwurf bereits steht.

Aber hey! Radlader und Bagger fahren, schweißen und hämmern, dengeln, bohren und Beton gießen, um einen Baum zu »pflanzen« …, jeder kleine Junge ist bestimmt zutiefst neidisch auf mich … :)«, meint der Künstler lakonisch.

Michael Ritzmann (Dr. Molrok; li.): »… schweißen und hämmern, dengeln, bohren und Beton gießen, um einen Baum zu ›pflanzen‹ …, jeder kleine Junge ist bestimmt zutiefst neidisch auf mich …!«
(Foto: M. Kranz)

Die Errichtung des Erfurter Paradiesbaums sollte ursprünglich der Künstler Nihad Dabeet mit einem Team aus Israel vornehmen. Nun haben diverse Covid19-Regelungen dies verhindert, so dass Nihad Dabeet alleine angereist ist aus dem fernen Land, vor Ort aber auf das Know-How und Können von Michael Ritzmann — alias Dr. Molrok — bauen konnte und kann. Mit gemeinsamen Kräften und Können errichten der isralische Künstler Nihad Dabeet und der Erfurter Street Artist Dr. Molrok auf dem Peterberg nun den 8 Meter hohen Paradiesbaum aus Stahl und Kupfer. Der Austausch mit anderen Künstlern ist auch dem Street-Art-Man wichtig, insbesondere Anregungen aus anderen Kulturkreisen sind ein Quell, der seine Kreativität fließen lässt. Obwohl er sonst kaum vorskizziert, also work-in-progress in Reinform praktiziert, freut er sich täglich, an diesem Erfurter Paradiesbaum mitzuwirken. Der Paradiesbaum ist bereits seit Anfang August in Erfurt eingelagert. Er hat die Fahrt von Israel nach Deutschland gut überstanden und ist seit 12. September 2020 auf dem Petersberg installiert. Der Baum musste nach Fertigstellung für den Transport im Schiffscontainer wieder zersägt werden. Auf dem Petersberg schweißen Nihad Dabeet und Dr. Molrok ihn wieder zusammen. Interessierte Besucher waren herzlich eingeladen, die Künstler vor Ort zu besuchen und dem Aufbau zuzuschauen. Und sie kamen zuhauf.

Nachsätze: Um dieses internationale Kunstprojekt realisieren zu können, werden die von Hand gestalteten Olivenblätter ab Oktober 2019 in Thüringer Sparkassen-Filialen, der Erfurter Tourist-Information und bei Thüringen Entdecken 360° sowie teilnehmenden Hotels angeboten. Ein Doppelblatt ist in einer hochwertigen, nummerierten Klappkarte eingehängt. Es eignet sich hervorragend als Geschenk oder als kleines Kunstobjekt für daheim. Da Kupfer sehr weich ist, lassen sich auch persönliche Botschaften einritzen. Bisher wurden etwa 2.000 Blätter verkauft. Der Dank der Veranstalter gilt allen Unterstützern, die das Projekt »Paradiesbaum« mit dem Kauf der Blätter möglich machen. Die kupfernen Oliven-Blätter können bis zum Ende der BUGA 2021 erworben werden.

Deshalb wird an diesem Paradiesbaum weitergearbeitet und jedermann kann dazu beitragen. Denn er wird in Erfurt auf dem Petersberg wohl noch lange stehen, fest verankert.