Lesestoff für die Dunkelzeit

243

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Julia Phillips: »Das Verschwinden der Erde«

Vom Leben am Rand der Welt

Julia Phillips “Das Verschwinden der Erde”
dtv, 376 Seiten (geb.)

Im Grunde genommen sollte allein schon der Umstand, dass Julia Phillips Roman „Das Verschwinden der Erde“ in Kamtschatka spielt, ausreichend Neugierde wecken, einen Blick ins Buch zu werfen. Kamtschatka? Liegt das nicht irgendwo hinter Sibirien, am anderen Ende der Welt, wo es nur Kälte, Wildnis und so manch vor sich hin rumpelnden Vulkan gibt? Genau. Umringt von viel Wasser – Beringmeer, Nordpazifik und Ochotskisches Meer geben sich hier die Ehre – erstreckt sich die Halbinsel mit der Größe von Deutschland auf gut 1.200 Kilometer Länge von Ostsibirien aus gen Süden, so als wollte sie eines Tages Japan einen Besuch abstatten. Tatsächlich wird Kamtschatka von insgesamt 29 aktiven Vulkanen bevölkert, was die gut 370.000 Bewohner der Insel allerdings nicht davon abhält, dort ihrem Lebensalltag nachzugehen.

Wie der genau aussieht oder aussehen mag, erschließt sich dem westlichen Betrachter, wenn der Blick überhaupt so weit reicht, erst seit 1990 – davor war die gesamte Region über ein halbes Jahrhundert lang militärisches Sperrgebiet. Mehr als die Hälfte der Bewohner Kamtschatkas, größtenteils zugezogene Russen, leben in der Halbinsel-Hauptstadt Petropawlowsk. Der Rest verteilt sich auf inmitten der weitflächigen Tundra gelegene, mitunter hunderte Kilometer auseinander liegende Siedlungen und Kleinstädte, die zum Teil auch noch von den Kamtschadalen, den hier ursprünglich lebenden Ureinwohnern, bewohnt werden. Innerhalb der Gesamtbevölkerung machen diese heute allerdings gerade einmal etwas mehr als zwei Prozent aus und haben, wie nahezu überall, wo Indigene verdrängt und vertrieben wurden, unter Stigmatisierung und Ausgrenzung zu leiden. Auch das ist ein Thema in Julia Phillips Debütroman „Das Verschwinden der Erde“, der Umgang und das Verhältnis zwischen Korjaken, Ewenen und Itelmenen auf der einen Seite und Russen auf der anderen Seite. Den Anfang und erzählerischen Hintergrund des Geschehens bildet jedoch das Verschwinden zweier kleiner Mädchen, Sofija und Aljona, die nach einem zweisamen Strandspaziergang am Strand von Petropawlowsk nicht mehr nach Hause kommen und trotz allen Suchens auch in den Tagen und Wochen danach wie vom Erdboden verschluckt bleiben. Einfach weg sind. So wie die kleine Siedlung am Meeresufer, von der die ältere Schwester der jüngeren erzählt, das nach einem Erdbeben und anschließendem Tsunami einfach verschwunden war – wie nie da gewesen.

Schicksalsgeschichten

Normalerweise würde diesem hochdramatischen Eingangsgeschehen nun der Auftritt einer die Ermittlungen übernehmenden Figur folgen, die dann die weitere Handlung des Romangeschehens bis zur Auflösung jenes Kindesverschwindens bestreitet. Doch auch wenn „Das Verschwinden der Erde“ durchaus als Thriller zu werten ist und den Lesenden durchweg wie ein Pageturner zu packen weiß, geht dessen Autorin Julia Phillips einen anderen, einen eigenen Weg: In zehn monatsweise aufeinander folgenden Kapiteln stellt sie die Geschichten verschiedener in Kamtschatka lebender Frauen unterschiedlichen Alters vor: die einen Russinnen, die anderen Indigene, die bei weitem nicht alle unmittelbar mit den verschwundenen Mädchen in Verbindung stehen, aber doch irgendwie beeinflusst von der dunkel dräuenden Schicksalswolke, die das mysteriöse Verschwinden der beiden Kinder und die damit einhergehenden Gerüchte und Vermutungen über der entlegenen Halbinsel hinterlassen hat.

Da ist zum Beispiel Ksjusha, Tochter einer Rentierhirten-Familie, die es mit Eifer und Fleiß an die Uni Petropawlowsk geschafft hat und sich zunehmend hin- und hergerissen fühlt: zwischen dem russischen Langzeitfreund, der sie aus der Ferne eifersüchtig überwacht und dem indigenen Tänzer, den sie beim Unitanzkurs kennengelernt hat. Den inneren Konflikt, den Lada wiederum mit sich austrägt, kreist um Mascha, Freundin aus Kindheitstagen, die dem Leben in der Einöde Kamtschkas vor Jahren den Rücken gekehrt hat, um ein freies Leben in der russischen Hauptstadt zu führen und nun für einen kurzen Silvesterbesuch wieder in die Heimat zurückgekehrt ist. Oder Natascha, alleinerziehende Mutter eines Jungen in Petropawlowsk lebt, die beinahe vergeblich Freude im Besuch von Mutter und Bruder zu finden versucht: zum einen, weil damit auch die Erinnerung an ihre Schwester Lilja wieder zum Leben erwacht, die unter ähnlich mysteriösen Umständen wie das eingangs verschwundene Geschwisterpaar von einem Moment auf den anderen abhanden gekommen war. Zum anderen, weil ihr Bruder Denis einer kompletten Fixierung auf Außerirdische verfallen zu sein scheint und wenn überhaupt, dann in ewig wiederkehrenden Schleifen ausschließlich von ‘belegten‘ Fällen von Entführungen durch Besucher aus dem All redet. Rewmira schließlich, die im Zentrum der wohl dunkelsten, tragischsten aller versammelten Geschichten steht: Jahre hat sie gebraucht, um den plötzlichen Unfalltod ihres ersten Mannes hinwegzukommen, sich in der neuen Beziehung mit einem liebevollen, sie umsorgenden Mann wohlzufühlen, diesen zu lieben und dann erhält sie ausgerechnet an jenem Tag, der für sie schon auf ewig vom Tod gebrandmarkt ist, wieder einen Anruf – wieder betrifft es ihren Mann, wieder wird ihre Leidensfähigkeit auf die Probe gestellt…

Brillant komponiert

Es sind große Themen, die Julia Phillips in all diese (Schicksals)Geschichten gelegt hat: sie erzählen von Liebe und Tod, Tragik und Träumen, Sehnsüchten und Hoffnung, Mut und Resignation, von Vorurteilen, Tradition und Neuanfang. Ein jedes Thema hätte sicher genug Eigengewicht, um allein einem ganzen Buch die inhaltliche Schwere zu verleihen. Doch die Autorin versteht es, all diese Fäden so filigran miteinander zu verweben, dass das Geschichtennetz, welches mit jedem weiterem Kapitel an Stärke und Umfang gewinnt – und dabei stets auch ein stückweit der Lösung um die verschwundenen Mädchen näher rückt – eine geradezu zarte Anmutung aufweist. Die sich von Seite zu Seite bis zum alles verbindenden, alles aber auch lösenden Ende weiterträgt.

Julia Phillips ist mit „Das Verschwinden der Erde“ ein fulminanter Debütroman gelungen – ein über die Entstehungszeit von zehn Jahren hinweg klug erdachter, erkennbar sorgfältig recherchierter, durchweg sehr authentisch ausstaffierter, brillant strukturierter, stetig reicher werdender, kraftvoll und unglaublich nah am Menschen erzählter – kurzum, schlichtweg prachtvoller Roman, der auf jeder seiner 376 Seiten Lesefreude bereitet. Überdies einem ganz ‘nebenbei‘ diese tatsächlich ferne, vermeintlich fremde Kamtschatka näher bringt. Und das sollte zu guter Letzt eigentlich Argument genug sein, sich dieses Buch umgehend auf die eigene Leseliste zu setzen.