Lesestoff für die Dunkelzeit

310

Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Ottessa Moshfegh: »Der Tod in ihren Händen«

Wahnsinn aus der Innenperspektive

Ottessa Moshfegh: “Der Tod in ihren Händen”
Hanser Berlin, 256 Seiten (geb.)

Ein Spaziergang kann bekanntlich viel hervorbringen: Einsichten und Ansichten genauso wie Begegnungen und Bewegung. Bei Vesta Guhl, zweiundsiebzigjähriger, ziemlich vereinsamter Professorenwitwe, die in einem kleinen Dorf an der amerikanischen Ostküste lebt, ist es etwas anderes, das ihr bisheriges Leben von einem Moment auf den nächsten aus den Fugen geraten lässt: ein Zettel, den sie während ihrer Morgenrunde mit Hund auf dem Waldweg entdeckt. “Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat. Ich war es nicht. Hier ist ihre Leiche.” Obwohl von besagter Leiche jede Spur fehlt, lässt Vesta der Gedanke an einen Mord, der vor ihrer Haustür passiert ist, nicht mehr los, verselbständigt sich geradezu, wird ihr, der in ihrer eigenen Gedankenwelt profund gefangenen Einzelgängerin, zur beharrlich gepflegten, alles bestimmenden Lebensaufgabe. Vesta will diesen Krimi für sich, will die Leiche, deren Lebensgeschichte, einen Kreis an Verdächtigen, den Mörder, sogar die Mutter des Mörders ausmachen, verstrickt sich immer tiefer in dem Fall, willens die sich ihr widersetzende Welt dieses eine Mal unbedingt nach ihrer Vorstellung zu formen, notfalls auch mit Gewalt…

Mit welch feinem Einfühlungsvermögen uns in „Der Tod in ihren Händen“ Zugang zu der durch und durch versponnen-solipsistischen Welt einer Protagonistin gewährt wird, die sich mit aller Macht dagegen stemmt, dass jenes Lügengebäude, deren einzige Bewohnerin sie ist, in sich kollabiert, ist atemberaubend und fesselnd zugleich – und verlangt geradezu danach, vor Ottessa Moshfegh Erzähltalent den Hut zu ziehen. Wahrhaftig: Hier wurde uns ein Psycho-Krimi vom Feinsten geschenkt.