Gewehre »Made in Sömmerda«

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1827 erfand der Sömmerdaer Johann Nicolaus Dreyse das Zündnadelgewehr und sorgte später mit einer weiterentwickelten Version für eine waffentechnische Revolution.

Schon seit Monaten schwelt nun die Diskussion um die Vergabe für das neue Sturmgewehr der Bundeswehr. Zunächst sah es ja nach einer Sensation aus, als beim Vergabeverfahren des Bundes die Firma C. G. Haenel aus Suhl den Zuschlag für ihr Model »MK 556« bekam. Mittlerweile hat das Verteidigungsministerium den Auftrag vorerst zurückgezogen. Es bleibt also spannend, ob die Bundeswehr künftig mit Waffen aus Thüringen ausgerüstet werden wird.

Ein preußischer Infanterist, aufgenommen während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 mit seinem Zündnadelgewehr
(Abb.: Hans-Dieter Zimmer)

Bescheidene Anfänge
Schon in früherer Zeit waren Waffen »Made in Thüringen« ein begehrtes Gut. Neben dem traditionsreichen Standort Suhl wurden sie auch in Erfurt und nicht zuletzt in Sömmerda produziert. Gerade in der letztgenannten Stadt sorgte Johann Nicolaus Dreyse, ein Sohn Sömmerdas, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine waffentechnische Revolution, die später sogar Kriege entscheiden sollte.
Der am 20. November 1787 als Sohn eines Schlossermeisters geborene Dreyse lernte zunächst den Beruf seines Vaters und arbeitete dann in Altenburg und Dresden. 1809 folgte er einem Ruf nach Frankreich und war in der Pariser Gewehrfabrik von Samuel Johann Pauli beschäftigt. Dieser war ein recht innovativer Büchsenmacher, der bereits in jenen Jahren ein Hinterladergewehr konzipiert hatte, das allerdings sehr anfällig und noch nicht ausgereift war. In jedem Fall wird Dreyse sich hier einige Inspirationen für seine spätere Erfindung geholt haben. 1814 folgte der Umzug in die Heimatstadt, um wieder bei seinem Vater zu arbeiten. Als dieser ein Jahr später starb, übernahm Dreyse die Firma. In den Folgejahren entwickelte er Metallpressen, die eine schnelle und einfache Herstellung von Schlosserarbeiten ermöglichte. Um auf diesem Gebiet noch erfolgreicher zu sein, kam 1821 die Kooperation mit dem Erfurter Eisenwarenkaufmann Cronbiegel zustande. Er und Dreyse gründeten die Fabrik »Dreyse & Cronbiegel« in Sömmerda, die unter anderem Knöpfe, Nägel oder Fensterbeschläge herstellte.

Der Weg zum Zündnadelgewehr
Doch die Leidenschaft Dreyses blieb die Waffenkunde. Schon in seiner Pariser Zeit hatte er chemische Experimente durchgeführt, die ihm jetzt zugutekamen. Zunächst wollte er die Zündhütchen für Perkussionsgewehre (Vorderlader) verbessern, was ihm auch gelang. 1824 patentierte er seine Erfindung, die ihm im Anschluss volle Auftragsbücher bescherte. Doch dies war ihm noch immer nicht genug, da der Sömmerdaer auch den Zündmechanismus der Gewehre verbessern wollte. Hierzu erzählte man sich früher in Sömmerda eine Geschichte, wie Dreyse angeblich die Zündnadel erfand: Eine Ladung Zündhütchen aus der Dreys’schen Fabrik war beim Transport feucht geworden, sodass sie wieder nach Sömmerda geschickt wurde. Hier sollte das Kupfer in den Hütchen entfernt werden, um es bei der Produktion erneut verwenden zu können. Angeblich habe Dreyse dabei die Ladungen mit einer Nadel durchstechen lassen, worauf einige von ihnen explodierten. Ob diese Erzählung nun der Wahrheit entspricht, sei dahingestellt. In jedem Fall führten Dreyses Forschungen dazu, dass er 1829 ein Zündnadelgewehr erfand, welches allerdings immer noch von vorn geladen werden musste und störanfällig war. Das preußische Militär lehnte zunächst dankend ab, bis der preußische Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. auf Dreyses Erfindung aufmerksam wurde und begann, diesen finanziell zu unterstützen.

Der entscheidende Durchbruch
Dreyse experimentierte unermüdlich weiter. Die Wendung kam dann 1836, als er endgültig zum Hinterladergewehr überging. Auch hatte sich inzwischen die Überzeugung durchgesetzt, dass Gewehre mit gezogenem Lauf wesentlich bessere Schießresultate lieferten als jene mit einem glatten Lauf. Als Dreyse diese beiden Eigenschaften kombinierte, gelang ihm 1840 der entscheidende Durchbruch und damit eine waffentechnische Revolution »Made in Sömmerda«.
Dass man bei »den Preußen« mitunter noch immer nicht den Wert der neuen Waffe erkannte, spiegelt eine Geschichte wider, die Dreyse Jahre später der populären Zeitschrift »Daheim« erzählte. 1840 hatte ihn die preußische Gewehrprüfungskommission unter Vorsitz des Prinzen August von Preußen in die Hasenheide nach Berlin zum Schießversuch mit seinem Gewehr eingeladen. Dreyse brachte 100 Schuss mit, die alle nacheinander mit einer einzigen Waffe in kurzer Folge abgefeuert werden sollten. Offenbar rechnete so mancher Offizier damit, dass die Waffe unter dieser Belastung so heiß werden würde, bis sie regelrecht explodierte. Doch nichts dergleichen geschah. Die Reaktion darauf beschreibt Dreyse wie folgt: »Als aber Schuß auf Schuß fiel, als die Munition mehr und mehr sich verminderte, und als das Gewehr durchaus ihnen nicht den Gefallen tun wollte, zu explodieren, da wurden die Gesichter länger und immer länger!« Der Test war erfolgreich bestanden. Die preußische Armee bestellte daraufhin 60.000 Zündnadelgewehre, die ab 1841 in einer neugebauten Fabrik in Sömmerda hergestellt wurden. 1848 folgte die Ausgabe an die preußischen Truppen. Zunächst erhielten aber nur die Infanterie des Gardekorps und die Füsilierbataillone die neue Waffe, die natürlich bis dato ein Staatsgeheimnis blieb.

Vervollkommnung und ­Überlegenheit
In den Folgejahren konnte Dreyse sein Gewehr weiter vervollkommnen. Auch die Patronenentwicklung machte Fortschritte, etwa mit der Einführung der Langbleipatrone. Damit einhergehend wuchsen die Bestellungen in Sömmerda in die Höhe. Bis 1863 konnten 300.000 Gewehre samt Munition die Stadt verlassen. Im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 zeigte das Zündnadelgewehr noch nicht, was es konnte, dafür aber im »Bruderkrieg« von 1866 zwischen Preußen und Österreich. Es muss dabei fast wie eine Ironie der Geschichte wirken, dass man in Österreich 1851 ebenfalls das Dreys’sche Zündnadelgewehr getestet hatte, es aber für zu teuer und störungsanfällig befand und daher ablehnte. Als am 3. Juli 1866 bei Königgrätz die Entscheidung zugunsten der Preußen fiel, war dies auch das Verdienst des Zündnadelgewehrs. Preußische Soldaten konnten viel schneller schießen als die österreichischen Gegner, die ihre Gewehre immer noch umständlich von vorn laden mussten. Dies alles erlebte Johann Nicolaus, inzwischen von Dreyse, noch selbst. 80-jährig starb er am 9. Dezember 1867 in seiner Geburtsstadt und wurde anschließend auch dort begraben.

Das Dreyse-Denkmal, welches bis 1948 auf dem Sömmerdaer Markt stand
(Abb.: Wikipedia)

Ausblick
Zunächst führte Dreyses Sohn Franz die Fabrik fort. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 erwies sich das Sömmerdaer Zündnadelgewehr dem französischen Chassepotgewehr dann zwar als unterlegen, was jedoch nicht kriegsentscheidend war. 1875 lief die Gewehrbestellung durch das Deutsche Reich schließlich aus, wonach man in Sömmerda fortan vor allem Jagdwaffen herstellte. In der weiteren militärischen Entwicklung der Gewehre verlor Franz Dreyse allerdings den Anschluss, sodass die Fabrik 1901 an die aus Düsseldorf stammende »Rheinische Metallwaaren- und Maschinenfabrik« kurz »Rheinmetall« verkauft wurde. In Sömmerda hatte man Dreyse, der die Stadt durch seine Erfindung zu einem bedeutenden Rüstungs­standort machte, nicht vergessen. 1909 wurde auf dem Marktplatz ein Denkmal für ihn eingeweiht. Es stand bis 1948 an diesem Ort und wurde dann abgebaut und zum Teil zerstört. Heute ist nur noch der Sockel mit Inschrift erhalten.