Lesestoff für die Dunkelzeit

131

Mit dem neuerlichen bundesweiten Lockdown (›light‹) ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände erneut empfindlich eingeschränkt worden – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst in der dunklen Jahreszeit zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Hervé Tanquerelle, Gwen de Bonneval, Jørn Riel: »Grönland Odyssee. Und andere arktische Erzählungen«




Hervé Tanquerelle, Gwen de Bonneval, Jørn Riel: „Grönland Odyssee. Und andere arktische Erzählungen“, Avant Verlag, 384 Seiten (geb.)

Perfekte Bildergeschichten-Lektüre für den draußen un- drinnen sehr gemütlichen Winterabend: der Comicerzählband „Grönland-Odyssee“ von Hervé Tanquerelle, fast so dick wie ein Lexikon und voller – ja, herzerwärmender arktischer Anekdoten und Abenteuergeschichten.

Astreines Grönland-Abenteuer

Die grönländische Nordost-Küste, Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie leben in der Abgeschiedenheit des ewigen Eises und monatelanger Dunkelheit – wenn sie nicht gerade auf Jagd sind, verbringen sie viel Zeit in ihren spartanisch eingerichteten Hütten: Männer mit zotteligen Bärten und ramponierten Zähnen, vernachlässigter Körperhygiene und selten gewechselter Unterwäsche, meist zu zweit, mitunter auch allein, in weit, sehr weit voneinander entfernt liegenden Hütten. Außenseiter und Abenteurer, die in der normalen Gesellschaft keinen Platz für sich sehen und ganz in ihrem Trapper-, Fallensteller- und Pelzjägerdasein aufgegangen sind – wobei manch einer in der rauen Welt Grönlands allerdings auch etwas wunderlich wird: Da liest der eine mangels Gesprächspartner einem Schwein Geschichten vor, der andere hält einen Hahn für den idealen Jagd- und Gesprächspartner, der nächste ist ohne Brille so blind, dass er einen Eisbären für einen seiner Hunde hält und diesen händisch mit Marmelade füttert und wieder ein anderer will unbedingt wissen, wie die Robben unterm Eis atmen und steigt daher im selbstgebastelten Taucheranzug ins eisige Wasser. Nach Monaten und Jahren im ewigen Eis ist es ohne Frage nicht verwunderlich, dass hin und wieder einer der raubeinig-verschrobenen Gesellen dem Polarkoller verfällt und tüchtig über die Stränge schlägt – aber so haben sie untereinander im Nachhinein wenigstens immer etwas zu erzählen, wenn sie sich bei ihren gelegentlichen gegenseitigen Besuchen mit den absonderlichsten Geschichten zu übertrumpfen versuchen. Denn was alle eint, ist nicht nur die eigene Unverwüstlichkeit, sondern auch eine mehr oder weniger krisensichere Freundschaft untereinander, die Freude am Schnaps, ein offenbar unverwüstlicher Humor – und natürlich eine immer wieder hervorbrechende, große Sehnsucht nach Liebe, die aber schon deswegen nicht Erfüllung gehen kann, weil die Herren ihre selbst gewählte Einsiedelei dann doch viel zu sehr schätzen…

Schwarz-weiß wie die ewige Winternacht

All diesen bärtigen Unikaten einer längst vergangenen Zeit hat der französische Comiczeichner Hervé Tanquerelle in dem im Avant-Verlag erschienenen Erzählband „Grönland Odyssee“ ein liebevolles, durchweg witziges und sehr originelles Denkmal gesetzt. Grundlage seiner fast 400 Seiten umfassenden Geschichtensammlung bilden die famosen Erzählungen des dänischen Erfolgsschriftstellers Jørn Riels (geb.1931), der selbst für den Zeitraum von 16 Jahren in Grönland lebte. Tanquerelle lernte Riel 2011 auf einer Schiffsexpedition durch Grönlands Fjorde kennen und war so begeistert von der Begegnung und Riels Geschichten, dass er diese schon in seiner 2017 erschienenen Graphic Novel „Grönland Vertigo“ einfließen ließ. Gemeinsam mit dem Szenaristen Gwen de Bonneval hat er nun zahlreiche weitere Erzählungen Riels als episodisch angelegten Comicband adaptiert. Mit einem entscheidenden Unterschied: „Grönland Odyssee“ ist im Gegensatz zum Vorgängerband nicht farbig gestaltet, sondern angepasst an die ewige Winternacht, in der die Geschichten spielen, komplett in Schwarz-Weiß, bzw. verschiedenen Grauabstufungen gehalten. Mal im klaren Zeichenstrich, um die kauzigen Helden der einzelnen Trapper-Geschichten pointiert-karikiert im „Tim- und Struppi“-Stil hervortreten zu lassen, mal im anmutigen Aquarellstil, um die schummrigen Polarlandschaften, in denen die Stories eingebettet sind, atmosphärisch greifbar zu machen.

Selten dürfte man eine karge kalte Welt so warmherzig-unterhaltsam näher gebracht bekommen haben wie in Tanquerelles „Grönland Odyssee“. Ob es all die hier auftretenden Grönlandeinsiedler und ihre Geschichten wirklich gegeben hat oder alles komplett erfunden ist, ist dabei völlig nebensächlich: Es ist einfach ein großer Spaß, sich dieser polaren Odyssee anzuschließen – und das Buch selbst vermutlich ein ziemlich feiner Geschenktipp für den Weihnachtsabend.