Lesestoff für die Frühlingszeit

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Mit dem anhaltenden Lockdown ist der Zugang zu kulturellen Angeboten außerhalb der eigenen vier Wände weiterhin empfindlich eingeschränkt – ein Umstand, der das Buch noch mehr als sonst zu einer willkommenen Alternative werden lässt. Bei der Qual der Wahl der passenden Lektüre stehen wir natürlich gern hilfreich zur Seite — mit Büchertipps zu aktuellen Neuerscheinungen. Heute:

Illustrierte Lieblingsbücher, Band 10: »Durch den wilden Kaukausus. Geschichten über das georgische Traumland Swanetien«

Geschichten aus 150 Jahren Swanetien

„Durch den wilden Kaukasus. Geschichten über das georgische Traumland Swanetien“
Illustrierte Lieblingsbücher, Band 10
herausgegeben und illustriert von Kat Menschik
Galiani Berlin, 128 Seiten (geb.)

Kat Menschik hat es wieder getan – und ihrer grandiosen Reihe „Lieblingsbücher“ einen weiteren Prachtband hinzugefügt. Nummer 10 der stets einnehmend und höchst kunstvoll von der Herausgeberin höchstselbst illustrierten Serie entführt uns nach Georgien, genau genommen in dessen wilden, unglaublich (natur)schönen Teil im Norden: die sagenumwobene Bergwelt der Swanen im Großen Kaukasus. Kat Menschik verbrachte dort vor einigen Jahren mit Freundinnen und Freunden einen unvergesslichen Wanderurlaub – und wer selbst einmal durch diese unberührten, mit kaum einer anderen vergleichbaren Bergregion mit ihren mittelalterlich anmutenden Dörfern und verwunschen wirkenden Tälern, den rauschenden Gebirgsflüssen, den Gletschern, Bergseen und hoch aufragenden, opulent von Abertausenden an Blumen überwucherten Wiesenhängen gewandert ist, wird ihr ohne Zweifel umgehend zustimmen: Einmal durch Swanetien wandern und man kann hinter die Rubrik ‘schönste Reise meines Lebens‘ einen Haken setzen.

Kat Menschik schildert in „Durch den wilden Kaukasus“ allerdings nicht die Eindrücke ihrer eigenen Wanderreise, sondern lässt – in einer interessanten Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart – andere Autorinnen und Autoren zu Wort kommen. Da wäre etwa Gottfried Merzbacher (1843-1926), deutscher Geograph, Forschungsreisender und einer der ersten Alpinisten, die in den 1880er Jahren in die damals noch entlegenere, noch unberührtere Region vorstießen – um sich mit einem sagenumwobenen doppelgipfligen Bergungetüm zu messen, der seit eh und je den klangvollen Namen „Uschba“ (Der Schreckliche) trägt. In einem Erzählstil, der mit der Eindrücklichkeit des heute vielfach praktizierten Nature-Writing durchaus mithalten kann, geht Merzbacher in seiner Geschichte zunächst detail- und kenntnisreich auf die Geschichte, Kultur und Lebensweise der Völker dieser georgischen Bergregion sowie die Landschaft vor Ort selbst ein, um daran eine spektakulär abenteuerliche Darstellung seines eigenen Versuchs, den ‘schrecklichen‘, annähernd 5.000 Meter aufragenden Granitriesen mit seinen beiden Zinnen in Gemeinschaft dreier weiterer Bergsteiger zu bezwingen.

Den Uschba zum Geschenk gemacht

Merzbacher und Freunde sollten nicht die einzigen bleiben, die sich vergeblich daran versuchten, dem Uschba eine Erstbesteigung abzutrotzen, auch der Österreicherin Cenzi von Ficker (1878-1956) blieb es mitsamt ihrer Klettergruppe zumindest im ersten Anlauf verwehrt, den bzw. die Gipfel zu erreichen. Dafür bekam sie, wie eine weitere kleine Geschichte dieses Bandes zu erzählen weiß, aus Hochachtung vor ihrem Mut vom damaligen swanetischen Landesfürsten Dadeschkeliani gleich formell den ganzen Berg überschrieben – ein wahrhaft königliches Geschenk..

Den historischen Swanetien-Berichten zur Seite gestellt sind zeitgenössische Geschichten zweier preisgekrönter georgischer Autoren: Während Anna Kordsaia-Samadaschwili (geb.1968) in ihrer Erzählung eindrucksvoll die eigene Jugend mit der verwunschenen Sagenwelt Swanetiens in Verbindung bringt, komplettiert der mittlerweile auch hierzulande für seinen Roman „Royal Mary. Ein Mord in Tiflis“ bekannte Schriftsteller Abo Iaschaghaschwili (geb. 1977) diesen besonderen „Lieblingsband“ mit einem mosaikhaft zusammengesetzten Geschichte, die uns mit einem vielstimmigen Abbild der Lebenswelt der Swanen in die Gegenwart entlässt.

Dass dieser Streifzug durch die Berge Swanetiens für Kat Menschik zu den schönsten Reisen ihres Lebens gehört, lässt sich übrigens ohne Weiteres auch an den Illustrationen erkennen, die sie dem Buch in reicher Fülle und Farbenpracht beigefügt hat. Ölbilder von Bergen, Blumen, Naturlandschaften sind hier versammelt so anheimelnd paradiesisch anmutend, dass man sie sich glattweg an die Wand hängen – und, wenn die Bergwelt des Großen Kaukasus nur halb so anziehend wirkt wie auf diesen Sehnsüchte erweckenden Bildern, selbst gleich in den nächsten Flieger nach Georgien steigen möchte…