Anna Mateur wird mit Thomas Quasthoff und Dominique Horwitz in Weimar zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne stehen. Die drei Künstler widmen sich an zwei Abenden ganz dem deutschen Schlager – an einem historisch bedeutsamen Ort für Funk und Fernsehen.
Interview: Sylvia Obst
Hallo Anna Mateur, Sie wollen sich gemeinsam mit Thomas Quasthoff und Dominique Horwitz auf eine ungewöhnliche Spurensuche machen: die Suche nach 90 Jahren deutschem Schlager – und das an einem ungewöhnlichen Ort, der Sendehalle Weimar, die für 90 Jahre Rundfunk- und Musikgeschichtesteht. Warum, was reizt Sie daran?
Anna Mateur: Mich reizt, dass wir aus verschiedenen Sparten kommen – Klassik, Jazz, Kleinkunst, Film, Theater, Chanson. Wir nähern uns dem Schlager von allen Seiten. Die Tiefe unseres Handwerks kann manches Profane ausgleichen. Aber die Schlager, denen wir uns widmen, sind oft auch damals schon sehr raffiniert komponiert worden. Das ist nicht so, dass alle Schlager nur aus drei Akkorden bestehen und am Ende geht es einen Halbton hoch, nein nein! Unsere Geheimwaffe ist Andreas Gundlach am Flügel! Wir haben beide in Dresden Jazz studiert und er hatte dort von Beginn an mit einem ansteckenden Optimismus alles an die Wand improvisiert, was bei drei nicht aufm Baum war! Ein Herzensmensch durch und durch! Der perfekte Musiker, um sich dem Schlager zu widmen, denn es kommt ja auch immer auf das Arrangement an. Und dann noch die Unwucht von Quasthoffs Stimme! Der könnte mit Leichtigkeit Zervelatwurst zersingen, wenn man ihn nur ließe! Dominique Horwitz, der sich der Liebe zu Brel und seinen Chansons verschrieben hat. Ich habe ihn schon gehört und natürlich auf der Leinwand gesehen. Er ist ein Großmeister der Emotionen. Sein Spiel reicht vom großen Befreiungsschrei bis hin zu subtilsten Nuancen seiner Stimmfarbe. Ob Nazi oder Narr, bei ihm ist alles möglich.
Apropos Nazis und Narren: Die Sendehalle Weimar wurde 1937 unter Hitler erbaut, zu DDR Zeiten genutzt und war später das Landesfunkhaus des MDR.
Anna Mateur: Da sollten wir auf alle Fälle mal mit weißem Salbei ein wenig Räuchern gehen, also vor allem wegender Erbauerzeit! Das kann man aber auch mit herzöffnender Musik wie Schlagern von Veronika Fischer, Karel Gott oder Vicky Leandros und Udo Jürgens. Ich halte mich an das Motto: Mach ganz, was Dich kaputt macht. Schlager oder Dada ist genau das, wie man Geschichte in solch einem Ort heilen kann. Das Pathos ein wenig…wegspülen. Diktaturen können mit Leichtigkeit und Humor nichts anfangen. Diktatoren können auch mit Flachdächern nichts anfangen! „Nurrrr das Satteldachhhhhh istdeuuuutscchhhhhh!!!!!“ Vielleicht sollte man noch n Flachdach irgendwo anbauen…Spass! Grüße an die Bauhäusler!
Woher kennen Sie die beteiligten und berühmten Sänger?
Anna Mateur: Thomas Quasthoff und ich kennen uns aus Berlin. Er kam zu „Frau Luna“, einer Paul Lincke-Operette, welche von den Geschwister Pfistern mit Andreja Schneider als Frau Luna und anderen Kleinkunstkollegen im Tipi am Kanzleramt aufgeführt wurde. Da habe ich damals die Sekretärin von der Frau auf dem Mond gespielt und unter anderem das Lied „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ gesungen. Dominique und ich kennen uns nur von der Probe. Aber natürlich habe ich viele Filme mit ihm gesehen. Er ist ein großartiger Schauspieler! Außerdem spielt er genau wie ich regelmäßig in der „Bar jeder Vernunft“ sein Brel-Programm in Berlin. Ich freue mich sehr, mit ihm zu schlagern. Andreas Gundlach und ich haben gemeinsam in Dresden an der Musikhochschule „Carl Maria von Weber“ Jazz studiert. Außerdem haben wir schon ein gemeinsames Programm gespielt, auch in Weimar im Spiegelzelt.
Das Thema heißt „90 Jahre deutscher Schlager“ – haben Sie schon jemals Schlager gesungen oder sich damit beschäftigt? Oder ist es das erste Mal?
Anna Mateur: Na klar! Ich hatte von Beginn an mindestens einen Schlager in meinem Soloprogramm. Außerdem kann man sagen, dass ich eine der größten Manne Krug-Fans bin und auch von Milva, Dalida, Mireille Mathieu, Veronika Fischer, Trude Herr, Friedrich Hollaender…

Foto: David Campesino
Was sagt Ihnen (bzw. uns allen) der „deutsche Schlager“? Hier finden wir schließlich einfache Harmoniefolgen, klare Rhythmen und einprägsame Refrains. Zudem geht es hautsächlich um Liebe, Sehnsucht, Fernweh,Lebensfreude und – vor allem! – um heile Welten. Das ist doch nicht „Ihr Ding“?
Anna Mateur: Einprägsame Refrains findet man in den meisten Liedern: „Die Hook, der Hake“…das, was hängenbleibt. Egal welches Genre, ob Rock, Pop, Heavy Metal, Rap oder Indie. Und zu Liebe, Sehnsucht, Fernweh, Lebensfreude: Schlager sind meiner Meinung nach Verschönerungstheorien. Spannend fand ich, dass die Arrangements Seelenstreichler sind, sie wühlen aber tief in der Sehnsucht. Sie „bewegen“ uns emotional! Die Texte sind meist Kaoshüter, während sich die Musik eher um die Befriedung oder das sanfte Aufwellen der Sinne kümmern. Mit Kaoshütern meine ich Begriffe, die Chaos beschreiben, wie: Nacht, atemlos, Sehnsucht, verzweifelt, ich liebe, ich wünsche…
Wenn sie schlecht sind, dann, weil sie flach bleiben oder die Texte zu sehr im Klischee wühlen. Wenn man keinen Mord und Totschlag möchte, wenn man eine Welt besingen will, mit Gärten, Rosen, Flüssen – der Heimat eben, dann landet man bei Volksliedern und wenn diese mit Freundschaftsbändchen und Diskofox aufgepeppt werden, steckt man schon tief im Schlagerbiz. Aber hier muss ich mich selbst rügen: Stimmt ja nicht! Die Texte, gerade der älteren Schlager, muten heiter an, sind aber viel tiefsinniger. Zum Beispiel Udo Jürgens „Griechischer Wein“! Ein Lied über griechische Gastarbeiter und ihre Sehnsucht nach zu Hause. Familien, die zerrissen sind, weil die Männer in Deutschland arbeiten, das Land nach dem Krieg wieder aufbauen und die Frauen mit den Kindern zu Hause bleiben. Oder Vicky Leandros „Ich liebe das Leben“. Was für eine Ansage! Eine Verschönerungstheorie durch und durch! Der stumme Abschied und das Wissen beider um das Scheitern ihrer Beziehung. Und wie geht es danach weiter?
Es gibt aber auch Schlager, die sind sehr bizarr: Freddy Quinns „Wir“ zum Beispiel. Zitat: „Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden: Wir! Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden: Wir!“ … ähm … Das wäre zu ausladend, darauf einzugehen. Oder der durchaus gut gemeinte, aber meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilte Schlager der Amigos, „Der Schattenmann“. Darin geht es um ein durchaus ernstes gruseliges Thema: Gewalt an Kindern. Was es für mich unfassbar bizarr macht: Melodie und Inhalt gehen komplett auseinander!
Und auch wenn mich die meisten als Kaoshüterin kennen: Ich lehne keine Ordnung ab, im Gegenteil: Es braucht beides! Beides! Nicht nur Ordnung, sondern auch Chaos und umgekehrt. Unsere Sehnsucht nach Kick und Nervenkitzel mit Krimis zu stillen, in denen täglich jemand auf originelle Art und Weise ermordet wird, finde ich auch sehr wunderlich. Es braucht eben manchmal eine herzliche Heiterkeit, eine unaufgeregte Sehnsucht, ein mutiges Mitschwingen zu seeleschubsenden Akkorden und Intervallen. P.S.: Ich habe auch eine beachtliche Sammlung an Wachstuchtischdecken. Das wollte ich nur mal erwähnen.
Vor allem nach dem 2. Weltkrieg bot das Genre Trost und das Versprechen einer heilen Welt – und heute?
Anna Mateur: Nach dem 2. Weltkrieg…mag sein, ich war ja nicht dabei. Meine Großmutter, Jahrgang 1922 war großer Karel Gott Fan. Ich habe sogar ein Autogramm für sie besorgen können: Für Babicka von Karel! Das ist leider weg. Falls es jemand findet, bitte zu mir.
Schlager heute? Nehmen wir Helene Fischer. Eine Musicalsängerin. Sie beherrscht ihr Handwerk und macht einen guten Job. Auch eine Andrea Berg mit ihrer schönen Altstimme. Es ist nicht meins, aber ich kann nicht meckern. Es gibt für alle Menschen eine Musik, die ihnen Freude oder Trost spendet. Die sie motiviert und bewegt. Dann gibt es noch das assoziative Hören. Meist hören wir die Lieder aus unserer Hochzeit – also Hoch-Zeit unseres Lebens am liebsten. Zeiten, in denen wir jung waren oder verliebt in den und den oder Lieder, die wir mit etwas bestimmten verbinden. Die lösen diese Gefühle später auch in uns aus. Kleine Inseln. Ich habe auch Songs, in denen Erinnerungen an geliebte Menschen wohnen. Sobald ich diese Songs singe oder höre, kommen die Emotionen. Musik ist ein Geschenk. Wir sollten sie nicht zu sehr missbrauchen für Propaganda oder in Kriegen als Motivation im Panzer, um wach zu bleiben und härter gegenüber dem Feind. Aber hier sind Schlager ja auch eher fehl am Platz! Traurig, das Lied von den Comedian Harmonists und zu wissen, dass sie sich nach dieser Aufnahme nie wiedergesehen haben. „Irgendwo auf der Welt gibts ein kleines bisschen Glück…“
Wo liegt für Sie die Verbindung zwischen dem „Deutschen Schlager“ und dem ACHAVA-Festival? Einem Festival, welches sich vor allem der Gemeinschaft widmet, sowohl der mit anderen Religionen und vor allem mit dem jüdischen Leben?
Anna Mateur: Ich habe schon einmal auf dem ACHAVA Festival gespielt. Das war vor einigen Jahren im Thüringischen Landtag. Da durfte ich dem Bodo Ramelow die Hand schütteln. Wir waren mit Banda Internationale vor Ort und ich habe auch mit meiner kleinen Formation direkt am Rednerpult gesungen. Ein Zeichen für Gemeinschaft von vielen unterschiedlichen Lebensentwürfen und Weltanschauungen ist heute besonders wichtig. Das Miteinander und Nebeneinander von Vielfalt/Diversität! Gerade wenn es Tendenzen gibt, dass Ordnungshüter von Ordnungsfanatikern abgelöst werden, braucht es sowas. Und Künstler gehören zu den Kaoshütern. Wir bewegen die Emotionen, wir verbinden durch Musik, durch Kunst, durch Tanz. Kunst ist für mich sinnliche Philosophie. Ich sammle privat auch Verschönerungstheorien und ihre Praxis.
Was ist der Kitt, der uns zusammenhält? Sicher nicht der Konsum, sondern die Gemeinschaft, das gegenseitige Wahrnehmen, das Miteinander, dass durch Feste, durch Märkte, durch Traditionen, durch Kunst ein Gemeinschaftserlebnis schafft: das gemeinsame Empfinden. Liebe steckt an, aber leider auch Hass. Menschen, die ein großes Sicherheitsbedürfnis haben, weil sie in ihrer Kindheit Strafe, Disziplin und Gehorsam vor Liebe kamen, stehen auf starke Führer und Hierarchie. Sie haben Angst vor individueller Freiheit. (Erich Fromm, „Autoritäre Persönlichkeit“). Wenn man sich also entscheidet: dann immer für die Liebe. Denn Hass zerstört nicht nur den anderen, sondern vor allem auch Dich selbst. Also: Mach ganz, was Dich kaputt macht – mit Heimatliebe ohne Hass. Man kann in einem Chor singen, man kann um einen Maibaum tanzen, Dabka oder Hora tanzen, ohne andere Menschen oder deren Religion und Herkunft abzuwerten. „Ikh hob dikh tsufil lib“, „’ana ‚uhibuk ‚akthar min alhubunafasih“. So könnts gehen. Schaumermal. Ich bin freudigst gespannt!
Anna Mateur, Thomas Quasthoff und Dominique Horwitz in „90 Jahre Schlager – 90 Jahre Sendehalle“: am 10. und 11. Oktober 2026 um jeweils 19 Uhr in der Sendehalle Weimar, Humboldtstraße 36a. Tickets sowie weitere Informationen sind erhältlich unter www.achava-festspiele.de!



































