Der Universität eine Zierde: Wieland in Erfurt

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Das oberschwäbische Biberach beansprucht ihn für sich, Weimar und Oßmannstedt natürlich auch – mit ihm gewidmeten Denkmalen, Museen, Straßennamen. Erfurt präsentiert sich diesbezüglich hingegen relativ zurückhaltend: Am Gasthaus „Zum alten Schwan“ hinter der Krämerbrücke verweist ein kleines Schild auf seine Zeit des Lebens und Wirkens in der Stadt. Dabei verlebte Christoph Martin Wieland, der große Dichter und Wegbereiter der Deutschen Klassik, in der thüringischen Metropole einst Jahre, die er später als „eine seiner glücklichsten Lebensperioden“ bezeichnen sollte.

Von Dr. Matthias Eichardt

Am 1. Juni 1769 betritt Christoph Martin Wieland durch das Löber Tore im Westen kommend die Pforten der Stadt Erfurt. Wobei, genau genommen betritt er die Stadt tatsächlich erst auf dem Platz vorm Gasthof „Zum Schlehendorn“, dort wo die Reisekutsche ihn mitsamt seiner gesamten Entourage – neben seiner Frau Anna Dorothea und dem erst wenige Monate alte Töchterchen zählt sein ‚élève‘, der zwölfjährige Sohn seiner ehemaligen Verlobten Sophie von la Roche, seine zwar schon etwas betagte, dafür unverzichtbare schwäbische Köchin und der ihm noch unverzichtbarere Sekretär dazu – gerade seiner neuen Lebensstation übergeben hat.

War Wieland froh, hier zu sein? Nun, angesichts der langen Reise, die hinter ihm lag, dürfte er durchaus erleichtert gewesen sein, endlich angekommen zu sein. Ganze zehn Tage hatten sie gebraucht, um vom fast schon in der Schweiz gelegenen Biberach an der Riß „bei unausstehlicher Hitze {…} halb erstickt vom Staube“ bis ins kurmainzische Erfurt zu gelangen, wobei eine ganze Woche ungeplanten Zwischenaufenthalts in Coburg vonnöten war, weil Wieland die mit dem Ortswechsel verbundenen Strapazen zu stark gefordert hatten.

Christoph Martin Wieland von Anton Graff.
Bild: Wikipedia

Der Gasthof „Zum Schlehendorn“ wird nur vorübergehende Herberge des Neuankömmlings und seiner Familie. Nach einer vorübergehenden, eher beengten Zwischenlösung beziehen die Wielands Anfang November eine geräumige, sieben Zimmer umfassende Wohnung im Obergeschoss des Gasthauses „Zum Güldenen Strauß“ (heute: „Zum Alten Schwan“), gleich hinter der Krämerbrücke. Das „bequeme Haus“, so der neue Mieter, hält einen „ziemlich großen Garten“ zur eigenen Nutzung bereit und – von Wieland besonders hervorgehoben – eine „weich gepolsterte Ottomane“, die ihm schnell zu einem „unentbehrliche{n} Stück“ Möbel wird, auf dem er in den wenigen Jahren, die Erfurt ihm zur Heimat wird, so manch Mußestunde verbringt.

Froh und erleichtert ist Wieland auf jeden Fall, seiner bisherigen Heimat Biberach den Rücken gekehrt zu haben. Nicht, dass er im Ungemach oder gar Streit mit seiner Vaterstadt auseinandergegangen wäre. Biberach ist ihm nicht nur die Stadt einer gut behüteten Kindheit, sondern im Laufe der gerade zurückliegenden Dekade auch jener Ort geworden, an dem ihm entscheidende erste große Schritte in seiner persönlichen und literarischen Entwicklung gelungen sind. Hier hat man ihn, den damals gerade einmal 30-Jährigen, 1760 einstimmig zum Senator der Stadt gewählt und die angesehenen Stellen des Stadtschreibers und des Kanzleiverwalters anvertraut. Hier ist er, ganz ’nebenher‘, vom suchenden Schwärmer zu einem Dichter von Weltrang herangereift, dessen epochale Erzählungen und Romane sowie kongenialen Shakespeare-Übersetzungen in Windeseile das ganze Land erobert haben. Hier hat er in den zurückliegenden Jahren gleich mehrfach die Liebe in all ihrer schwindelerregenden Höhe und tragischen Tiefe durchlebt.

Nein, Wieland hat Biberach nicht wirklich etwas nachzutragen – länger dort zu bleiben kann er sich gleichwohl partout nicht vorstellen. Und auch nicht, dahin zurückzukehren: „Denn meine Vaterstadt ist für mich wie meiner Mutter Leib; wenn ich einmal d’raus bin, so komme ich nicht wieder hinein.“ Der 39-Jährige hat ganz offensichtlich erkannt, dass er jene Nabelschnur, die ihn schon viel zu lange mit seiner Heimatstadt verbindet, durchtrennen muss, wenn er in seiner eigenen Werdung vorankommen, weiter heranreifen will.

Und da erweist sich der Ruf, der ihn im Frühjahr 1769 aus Erfurt erreicht, als wahrlich willkommener Wink des Schicksals. Friedrich Justus Riedel (1742-1785), seit 1768 Professor für Ästhetische Wissenschaft an der Erfurter Universität und fast genauso lang im freundschaftlichen Briefaustausch mit Wieland, hat dessen Namen beim Erfurter Statthalter Carl Wilhelm Joseph von Breidbach ins Spiel gebracht – der von der Idee, „den seiner vortrefflichen Schrifften halber weit und breit berühmten Cantzley-Director der Kayßerlichen freyen Reichs-Stadt Bibrach“ Christoph Martin Wieland an der Erfurter Universität unterzubringen, sofort begeistert ist. Und dies auch sogleich an den regierenden Kurfürsten in Mainz so weiterleitet.

Vom schriftstellernden Kanzleiverwalter zum Professor primariua zum Erfinder der Deutschen Klassik: Christoph Martin Wieland (1733 – 1813) in einem Porträr von Gerhard von Kügelen, 1808.
Bild: Wikipedia

Schließlich könnte, so die Hoffnung des Statthalters, „die glückliche Acquisition eines solchen ausbündig gelehrten und schönen Geistes der allhiesigen Academie ein gantz besonderes neues Ansehen, Nützen und Vortheil ohnfehlbar verschaffen.“ Welche die Erfurter Hochschule tatsächlich auch dringend nötig hat. Denn der nachweislich ältesten Hochschule Deutschlands geht es nicht gut – gar nicht gut. Einst eine weithin angesehene Universität, die über mehrere Jahrhunderte hinweg zu den größten und angesehensten Hochschulen in Mitteleuropa gezählt wurde, ja sogar mehr Studenten anlockte als etwa die Hochschulen von Köln oder Heidelberg, war die ‘alma mater Erfordensis‘ in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten zu einer Institution ohne Attraktivität verkommen, die nur noch eine Handvoll Studierwilliger aus dem Erfurter Umland anzog.

Zurückzuführen war dies zum einen auf die Entscheidung der kurmainzischen Regierung, aus der bislang autonom agierenden Universität eine kurmainzische Landesuniversität zu machen, deren Hauptaufgabe in der Ausbildung von Beamten bestand. Zum anderen war der Rückgang auch eine Folge der Entstehung neuer vergleichsweise ‚attraktiverer‘ Universitäten wie etwa jener in Jena oder Marburg, die die Anziehungskraft der Erfurter Hochschule erheblich minderten. Und schließlich lag es zu einem großen Anteil auch daran, dass die Erfurter Uni inhaltlich wie auch personell völlig überaltert war, die Professorenschaft sich jedoch einer programmatischen oder personellen Erneuerung weitgehend verweigerte.

Alarmiert durch den sich zunehmend verschlechternden Zustand der Universität, hatten der kurmainzische Kurfürst und sein Statthalter in Erfurt daraufhin 1767 beschlossen, ein Reformprogramm in die Wege zu leiten, mit dem die eigene Hochschule wieder an Attraktivität gewinnen sollte. Äußerliche ‚Verschönerungsmaßnahmen‘ sahen hierfür u. a. die Schaffung einer Reitbahn, eines Cafés und eines Ballhauses für mehr Möglichkeit zur Geselligkeit auf dem Universitätsgelände vor. Von innen heraus sollte die Universität hingegen ganz im Geiste der Aufklärung auf Vordermann gebracht werden. Vor allem in der Theologischen und in der Philosophischen Fakultät wurden hierfür von Regierungsseite junge ‚aufgeklärte‘ Lehrkräfte berufen und mit eigenen Professuren versehen – über die Köpfe der Universitätsleitung und der alteingesessenen Professorenschaft hinweg.

So war Wielands Briefreund, der gerade einmal 26 Jahre alte Schriftsteller und Theoretiker der schönen Künste Friedrich Justus Riedel an einen Professorenposten gekommen. So war der 29-jährige Theologe Karl Friedrich Barth an seine Professur für biblische Altertümer gekommen und so war auch Wieland, zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt, mit einer eigenen Professur versehen und zum Teil des universitären Modernisierungsprogramms geworden.

Friedrich Justus Riedel
Bild: Wikipedia

Man kann daher mit Fug und Recht davon ausgehen, dass Erfurt einem sehr frohsinnigen Christoph Martin Wieland empfing, als dieser sich Anfang Juni 1769 mit Kind und Kegel in der Stadt niederließ. Seine Hoffnungen, der schwäbischen Heimat zu entkommen und auf der persönlichen Karriereleiter voranzukommen, schienen geradezu übererfüllt: Ohne selbst groß etwas dazu beigetragen zu haben, war er jetzt ‚Professor primarius‘ der Philosophie sowie Regierungsrat der Universität Erfurt, hatte ein Auskommen bewilligt bekommen, das sich durchaus sehen lassen konnte – neben 600 Talern jährlichem Gehalt wurden Wieland auch „Zwey Malter Korn, Zwey Malter Gerst und Vier Clafter Holtz“ pro Jahr zugestanden – und konnte im Grunde genommen machen, was er wollte: „Man hat mir zu erkennen gegeben, daß man mich nur um meines Nahmens willen haben wolle, und daß man zufrieden sey, wenn ich komme, sollte ich auch gleich nichts anderes thun, als daseyn und machen, was mir gefalle“, hält Wieland in einem Brief an einen Freund sein neues Tätigkeitsfeld fest.

Auch wenn er weiß, dass er in erster Linie ’nur‘ zur Zierde an die Erfurter Universität berufen wurde, nimmt Wieland seinen Lehrauftrag ernst und beginnt bereits einen Monat nach Ankunft seine Vorlesungsreihe. Viermal pro Woche liest er im privat angemieteten Hörsaal über „Die Geschichte der Menschheit“, später dann über Ästhetik, die Geschichte der Philosophie, über verschiedene seiner ‚Lieblingsschriftsteller‘ und Hausautoren – Cicero, Horaz, Montesquieu, Cervantes und Rousseau. Seine Vorträge, die die Philosophie im eigentlichen Sinne häufig nur streifen, kommen gut an – angeblich, so hält es Erfurts Stadtchronist Constantin Beyer später fest, kann der Hörsaal „die Zuhörer {kaum} fassen, die ihm zuströmten“. Und die Studenten verehren ihn, viele kommen tatsächlich nur wegen ihm und den anderen jungen ‚wilden‘ Professoren nach Erfurt.

Historische Aussenansicht des Collegium Maius, des alten Universitätsgebäudes, in dem auch Wieland für drei Jahre ein und aus ging.
Foto: zeno.org

Doch auch wenn es den neuen Professoren um Wieland und Riedel zunächst tatsächlich gelingen mag, wieder mehr Studenten für die Erfurter Universität zu begeistern und einen Aufschwung des Vorlesungswesens zu bewirken, bleiben sie innerhalb des Universitätsbetriebs selbst Außenseiter und werden von der alteingesessenen Professorenschaft wie überbezahlte Fremdkörper behandelt. Was sie in gewisser Weise auch sind: Allein Wielands Jahressalär beträgt gut das Fünfzehnfache von dem, was den Alteingesessenen zugestanden wird – und das, obwohl er noch nicht einmal einen akademischen Grad, geschweige denn ein abgeschlossenes Studium vorweisen kann. Nur nachvollziehbar, dass dies auf Neid und Unverständnis unter den Kollegen trifft. Ein Umstand, der noch dadurch verschlimmert wird, dass sich die Clique der alten, minder bezahlten Zöpfe im vom Kurfürsten aufgezwungenen Reformprozess grundsätzlich übergangen bzw. nicht abgeholt fühlt und daher schon allein aus Prinzip gegen jede aufklärerische Neuerung aufbegehrt.

Wieland war durchaus darauf gefasst, in Erfurt nicht nur mit offenen Armen empfangen zu werden. Bereits als Biberacher Kanzleidirektor habe er gelernt, lässt er seinen Freund und Kollegen Riedel wissen, mit „Halbköpfen, Drittelsköpfen, oder Leuten ohne Kopf, welche man mit einem Wort Unköpfe nennen könnte“, umzugehen. Doch das dauerhaft ablehnende, mitunter geradezu militant feindselige Auftreten, das ihm die Alteingesessenen in der Universität über Monate und Jahre hinweg entgegenbringen, setzt ihm genauso wie auch den anderen ‚Neuen‘ zunehmend zu. Trotz Rückendeckung durch den Kurfürsten, einer nach dem anderen verlässt in der Folge Erfurt wieder und sucht sein Glück anderswo.

Wieland im Kreise seiner Familie in Erfurt – mit sein wichtigster Rückzugsort.
Bild: Wiikipedia

Wieland bleibt noch mit am längsten, verkehrt allerdings kaum außerhalb seiner Familie und der wenigen Vertrauten, die er vor Ort hat. Sein größtes Refugium bleibt in dieser Zeit die Dichtung, der Kreis seiner Musen. Die ihn hier unter anderem „Der goldne Spiegel oder die Könige von Scheschian“ (1772) hervorbringen lassen – einen barocken, virtuos erzählten Staatsroman, der ihm unter den auf Gravität und würdevolles Auftreten bedachten Professorenkollegen nur noch mehr Naserümpfen einbringt.

Wesentlich ‚aufgeklärter‘ reagiert indes Herzogin Anna Amalia auf den Roman, aus dem sein Autor der benachbarten Fürstenfamilie bei einem Besuch in Weimar Anfang 1772 vorliest. Man befindet Wieland für bestens geeignet, den beiden herzoglichen Sprösslinge privaten Philosophieunterricht zu erteilen und bietet ihm an, das freie Amt des Prinzenerziehers zu übernehmen. Wieland, der mittlerweile längst realisiert hat, dass der Reformprozess an der Erfurter Universität so lange nicht fruchten würde wie die dortigen alten Personalstrukturen nicht beseitigt würden, überdies auch sofort erkennt, welch Potenzial Weimar für seine eigene Entwicklung als Dichter und Schriftsteller bereithält, nimmt das Angebot nur zu gern an: Am 18. September 1772 verlässt er Erfurt, diesmal gen Osten – um in seinem neuen Wirkungskreis die geistesgeschichtlichen Fundamente jener Ära zu legen, die heute noch unter dem klangvollen Stichwort ‚Weimarer Klassik‘ ihren Nachhall findet.

Dieser Text erschien in Ausgabe Nr. 76 des Stadtmagazins tam.tam.